Träumereien

Ich bin ein echtes Mädchen vom Dorf. Beziehungsweise ich war ein echtes Mädchen vom Dorf. Das Örtchen, in dem ich meine ersten 20 Lebensjahre verbracht habe, zählt keine 200 Einwohner und liegt zwischen Feldern, Wiesen und Wäldern. Weniger idyllisch ist die große Bundesstraße, die einmal mitten hindurch führt, aber dadurch immerhin einen schnellen Anschluss an die nächste Stadt (mit immerhin 12.000 Einwohner, ja ja…!) gewährleistet. Nach dem Abitur war für mich klar, hier muss ich dringend, ganz ganz dringend weg. Also wirklich richtig dringend. Berlin war der Traum, geworden ist es Hamburg.

Seit 10 Jahren leben wir nun mitten in der Stadt, zwischen dem alten berüchtigten Sankt Pauli (das nun so berüchtigt gar nicht mehr ist), dem mittlerweile sehr hipp-familiären Eimsbüttel und dem übergentrifizierten Schanzenviertel. Am Ende unserer Straße steht ein Kiosk, an dem sich seit 15 Jahren die Randständigen (so ihre eigene Bezeichnung) treffen, eben seit dem Tage, als in der Nähe eine Substitutionsstelle für Drogenabhängige geöffnet hat. Die meisten dieser Menschen sind nett, sie bleiben unter sich und pöbeln niemanden an. Für mich gehören sie dazu. Allerdings – mit Kind sieht man all die Zigarettenstummel, Glasscherben und Hundehaufen dann doch noch einmal mit etwas anderen Augen.

Auch toll: gleich um die Ecke sind S-Bahn und viele Buslinien. Weniger toll: Immer muss ich über die vierspurige Kreuzung. Am liebsten würde ich mittlerweile die Luft anhalten, aber so lange klappt das nicht. Ganz zu schweigen vom Zwergenmädchen, dass da natürlich nicht mitmacht.

Ich habe mein Viertel geliebt. Falsch. Ich liebe es noch immer. Einerseits. Aber seit mein Mädchen da ist, sind so viele ‚andererseits‘ in mein Leben getreten, dass ich mir etwas vorstellen kann, was ich mir vor einem halben Jahr noch nienieniemals hätte vorstellen können: Aus der Stadt wegziehen. Der Gedanke erschreckt und fasziniert mich. Immer öfter ertappe ich mich dabei, von einem Garten zu träumen, mit wild-verwucherten Ecken, Holzbänken unter alten Apfelbäumen, Hochbeeten und bunten Blumen. Nun haben wir ja eine Woche bei Oma und Opa auf dem Dorf verbracht und ich dachte, das würde meine völlig verrückten Überlegungen vielleicht wieder rasch zu einem Ende bringen. Hmmm. Hat es aber nicht, zumindest nicht völlig. Da stehe ich nun und möchte gleichzeitig in meiner Stadt leben und auf dem Land. Und bin mehr als gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Weil es so schön ist, hier ein paar Bilder aus dem winterweißen Garten im Morgenlicht. Alles war mit glitzerndem Raureif überzogen und ich bin mit dem Handy losgezogen, noch vor dem Frühstück und im halben Schlafanzug, eingemummelt in eine dicke Strickjacke meiner Oma. Danach gab es warmen Tee und einen saftigen Butterkuchen. Ein traumhafter Start in den Tag.

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Ich hoffe, bei euch war es auch so herrlich winterschön.

Liebst,

Martina

Unser Wintergarten ist bei Freutag.

 

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7 Gedanken zu “Träumereien

  1. Liebe Martina,
    deine Fotos sind einfach der Wahnsinn, da hast du echt ein Auge für. Und ich kann gar nicht glauben, dass du die mit dem Handy geschossen hast!
    Ich kann deine Überlegungen gut verstehen und habe bei einigen „Großstadtfreundinnen“ das gleiche beobachtet. Allein schon, dass kein Parkplatz vor der Tür oder kein Platz für den Kinderwagen im Haus vorhanden war…Letztlich sind die meisten in die Vororte gezogen oder eben auch in die Heimat zurückgekehrt.
    Ich selber bin ja ein richtiges Kleinstadt-Landei und habe es nur mal für ein Auslandsstudium oder für Langzeitpraktika in die Städte geschafft. Es ist einfach praktisch: Viel bezahlbarer Wohnraum, Garten, Waldrand…. Für Kinder und Familien perfekt. Ich denke meine Sehnsucht nach der Großstadt kommt wieder, wenn die Kinder groß sind und ich mehr Gelegenheiten hätte, den Trubel zu nutzen und genießen.
    Huch, viel Text, vielleicht sollte ich dem Thema auch einen Blogpost widmen?
    LG
    Elisabeth

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    1. Du Liebe, vielen Dank für das Foto-Kompliment! Da hat sich der bitterkalte Ausflug in den Garten ja gelohnt 🙂
      Ja, ich denke auch, dass es für Kinder auf dem Land einfach so unfassbar schön ist. In der Pubertät dürfen wir uns dann wahrscheinlich anhören, warum wir jetzt nicht mehr in der coolen Stadt wohnen 😉 Wobei ich meine Jugend auf dem Land meist echt toll fand. Tja, hat alles Vor-und Nachteile. Ich bin jedenfalls selbst ganz gespannt, was im nächsten halben Jahr so passiert. Mein Mann muss sich nämlich ohnehin eine neue Stelle suchen, da seine Promotion an der Uni nun vorbei ist. Ich halte euch auf dem Laufenden 😉
      LIebe Grüße und einen schönen Sonntag Abend noch!
      Martina

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  2. Liebe Martina, das kann ich so gut verstehen. So schön die Stadt auch ist und so bequem und voller Leben – mit Kind erscheint das Dorf doch deutlich sicherer. Schön, wenn es dann Wintergartenmomente zum Ausruhen gibt.
    LG Jana

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  3. Das muss eine Art Gedankenübertragung gewesen sein, denn gestern früh lief ich durch unseren Kiez und dachte über das gleiche nach, und dass ich darüber etwas schreiben will. 🙂
    Du sprichst mir auf jeden Fall aus der Seele. Und die Bilder sind wirklich toll!
    LG
    Kathrin

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    1. Haha, da bin ich jetzt wirklich beruhigt, dass es auch anderen Großstadtmamas so geht 🙂 Auf deinen Beitrag bin ich gespannt! Mal sehen, wo es uns alle noch hinverschlägt. Wir könnten uns in der Mitte in MeckPomm treffen und auf einen alten Bauernhof ziehen 😉
      Liebe Grüße in die Hauptstadt
      Martina

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  4. Hallo Martina

    Ich bin auch ein echtes landei! Und habe noch niemals in der Stadt gewohnt. Ich kann mir das auch nicht vorstellen, den ich fühl mich schon alleine vom einkaufen in der Stadt überfordert. Die vielen Menschen, der viele Verkehr und auch so viele Geräusche. Ich brauche Ruhe, stille und viel Natur.
    Wichtig finde ich auch den sozialen Aspekt. Bei uns im Dorf duzen wir uns alle, jeder kennt jeden und die Kinder wachsen miteinander auf, selbst die Lehrerin meiner Tochter wohnt hier.
    ( die wird allerdings nicht geduzt 😉)
    Dafür muss man wegen jeder Kleinigkeit weite Wege in Kauf nehmen und auch die busverbindung in die Stadt ist miserabel.
    Liebe grüße
    Maria

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