Beziehung statt Erziehung: Gegen Gewalt und Machtmissbrauch bei Kindern

Bald schon ist unser großes, kleines, wunderbares Mädchen 2,5 Jahre alt – mitten in den „terrible two“, den schrecklichen Zwei. Ja, schrecklich ist es mitunter. Schrecklich anstrengend, für mich, aber mindestens genauso anstrengend auch für Lene. So vieles lernt sie jeden Tag. Über die Welt, über die Menschen, über sich selbst. Da sind jede Menge Gefühle in diesem kleinen Wesen, die sie selbst oft überraschen und mitreißen. Traurigkeit, Wut, Enttäuschung, weil manches einfach nicht so funktioniert, wie sie es sich wünscht. Weil einiges generell unmöglich ist oder sie es einfach noch nicht kann, weil Mama doof ist oder Papa oder weil die Strumpfhose blau ist und nicht rosa.

Das Wichtige aber ist: wir lieben sie immer, bedingungslos, egal, wie gut oder schlecht gelaunt sie ist. Ob sie nun fröhlich, ausgeglichen, lachend durch die Wohnung tanzt, beim Tisch decken hilft und ohne Murren selbst ihre Schuhe anzieht oder ob sie wütend ihren Stoffhasen vom Bett wirft, ihre Hände nicht waschen will und mich empört anschreit, weil wir keinen lebensgroßen Schokoladenweihnachtsmann kaufen. Wir knüpfen unsere Zuneigung nicht an Bedingungen. Mein Kind ist nicht auf dieser Welt um mich mit seiner guten Laune zu erfreuen. Ich bin für mein Kind da, um es auf seinem Weg die ersten so entscheidenden Schritte zu begleiten. Ihm zu zeigen, das „negative“ Gefühle zum Leben gehören, dass es okay ist, wütend zu sein, wenn das Puzzlen nicht klappt oder Papa zur Arbeit muss. Dass ich es genauso liebe, wenn es grummelig und schlecht gelaunt ist und auch, wenn es Dinge tut, die es eigentlich nicht tun soll. Sachen durch die Gegend werfen, spucken, beißen, hauen; Kinder tun all dies nicht ohne Grund, ihr Verhalten ist immer eine Reaktion. Um den Grund zu erkennen muss ich hinter das kindliche Verhalten schauen. Mangelnde Aufmerksamkeit, Traurigkeit, Vernachlässigung, Langeweile, Müdigkeit, Übereifer – oft lässt sich mehr oder weniger schnell herausfinden, warum der kleine Mensch so stark re-agiert. Gemeinsam kann die Situation dann liebevoll und mit Respekt aufgelöst werden.

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Ich weiß, das viele Menschen noch immer glauben, dass das nicht möglich ist. Gerne und oft fallen in diesem Kontext die Wörter: Grenzen, Regeln, Konsequenzen. All das meint nichts anderes als bestrafen. Auszeiten, Liebesentzug, Wegnahme von Spielzeug oder das Beenden von geliebten Aktivitäten: Wenn du nicht aufhörst, dann musst du auf dein Zimmer! Wenn du dir die Hände nicht wäschst, dann bin ich traurig. Hübsche/liebe/brave Mädchen kämmen sich die Haare – sonst gefällst du mir gar nicht! Wenn du nicht aufräumst, dann gebe ich deine Spielsachen weg, wenn du in die Matschpfütze springst, dann gehen wir sofort nach Hause… Sicher kennt jeder von uns mindestens einen dieser Sätze und vermutlich hat auch jeder schon mindestens einen davon genutzt. Allerdings sind diese Art der „Wenn-dann“-Sätze, die keinen kausalen Zusammenhang aufweisen, nichts anderes als die Demonstration der elterlichen Macht. In diesem Moment begegnet man seinem Kind nicht auf Augenhöhe und mit Respekt, sondern übergeht die kindlichen Bedürfnisse komplett. Warum aber sollten die Bedürfnisse meines Kindes weniger wichtig sein als meine?

Statt Handlungen mit willkürlichen Konsequenzen zu verbinden, erkläre ich meinem Kind die tatsächlichen möglichen Folgen. Du springst ohne Regensachen in die Pfütze? Dann wirst du nass und bei den herrschenden Temperaturen kann dir dann schnell kalt werden. Wenn es doof läuft, wirst du krank. Deshalb hast du jetzt die Wahl in die Pfütze zu springen und nass zu werden, dann gehen wir danach nach Hause und ziehen uns um. Oder du verzichtest jetzt auf die Pfütze und wir gehen stattdessen wie geplant weiter zum Spielplatz. Und ja, tatsächlich: Die Kinder verstehen uns, meistens. Natürlich nicht immer. Auch bei uns gibt es Situationen wie diese: mein Kind will alleine über eine viel befahrene Straße laufen und ich hindere es daran, erkläre ihm, warum das nicht geht und ernte dennoch herzlich wenig Verständnis. Aber mein Kind ist zwei Jahre alt. Selbstverständlich findet man es manchmal blöd, dass bestimmte Dinge, die so schön, so reizvoll scheinen, nicht gemacht werden können. In solchen Situationen bleibe ich bei meiner Tochter, begleite sie in ihrer Wut, in ihrem Unverständnis. Zwei Minuten, zehn, vielleicht eine halbe Stunde. Irgendwann ist die Wut verflogen und gemeinsam können wir unseren Weg fortsetzen.

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Klingt so einfach, so harmonisch, so glückselig? Ist es überhaupt nicht. Oft haben wir anstrengende Momente, sehr anstrengende. Momente, in denen die Wenn-dann-Konsequenz-Sätze auf meiner Zunge kribbeln. Manchmal auch ihren Weg nach draußen finden. Doch wir alle sind nicht perfekt, sollen, wollen, müssen es auch gar nicht sein. Viel wichtiger ist das Bewusstsein um was es hier eigentlich geht: Eine gleich-würdige Beziehung zwischen Eltern und Kind, ohne physische oder psychische Gewalt. Eine Beziehung, geprägt von Liebe, Vertrauen und Respekt. Für selbstbestimmte, selbstbewusste Kinder, die Vertrauen in sich selbst haben. Die lernen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, die Empathie und Rücksicht erfahren, erlernen und wiedergeben. Dass dies funktioniert, beweist mir meine Tochter jeden Tag.

Ihr wollt mehr zum Thema unerzogen erfahren? Von ganzem Herzen möchte ich euch an dieser Stelle den Blog „Elternmorphose“ von Aida S. de Rodriguez empfehlen. Unter jeden ihrer Beiträge möchte ich einfach nur ein großes DANKE schreiben.

Ihr habt Fragen, Anregungen oder weitere Lektüretipps? Ich freue mich über eure Kommentare!

Eure Martina

 

 

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8 Gedanken zu “Beziehung statt Erziehung: Gegen Gewalt und Machtmissbrauch bei Kindern

  1. Du schreibst so schön! Es macht Mut, dass man das alles liebevoll und auf Augenhöhe meistern kann. Das wünsche ich mir auch für uns 🙂 Ich werde mir den anderen Blog gleich mal anschauen 🙂 Und über weitere Lektüretipps würde ich mich auch freuen. Jetzt entwickelt unsere Kleine ja auch langsam ihren eigenen Kopf und da sind ein paar Tipps und Ideen sicher nicht verkehrt 🙂

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  2. Hm, ich mache es anders. Ja, bei mir gibt es diese Grenzen, Konsequenzen. Mit 3 Kindern muss ich diese Linie fahren, weil es mindestens 3 verschiedene Wünsche gibt. Als Mutter ist es meine Aufgabe Priorität zu setzen und oft fühlen sich dann 2 Kinder zurückgesetzt. Es ist dann eben so. Und ja, ich zeige auch meine eigene Wut, Verärgerung, wenn ganz bestimmte Regeln überschritten werden. Denn sie sind wichtig für unser Zusammenleben. Was ich aber auch mache, ist nach Beruhigung aller Gefühle mit dem Kind reden, erklären, trösten, kuscheln und sagen, ich habe dich lieb. Darüber hinaus lernt man recht schnell als Eltern, was bei Kind 1 funktioniert, geht bei Kind 2 nicht mehr, weil es vom Charakter völlig anders ist. Regeln ja, auch durchsetzen, keine körperliche Gewalt, reden, erklären, kuscheln und viel Zeit verbringen. Mein Weg.

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    1. Liebe Frau B., hab vielen Dank für deinen Kommentar! Tatsächlich unterscheiden sich unsere Wege da wohl gar nicht so wirklich 🙂 Und du hast Recht, natürlich gibt es Grenzen und Konsequenzen – die Frage lautet nur, welche. Sind sie willkürlich? Wie werden sie umgesetzt? Ich habe heute noch einen Artikel dazu geschrieben und bin darin genauer auf reale und persönliche Grenzen und Konsequenzen eingegangen. Mit Sicherheit ist es mit drei Kindern noch einmal viel viel viel herausfordernder, all die Wünsche und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, da kann ich leider (noch) nicht mitreden. Danke jedenfalls für den Anstoß, in diesem Punkt noch einmal präziser zu werden. Ich wünsche euch ein schönes Adventswochenende! Liebe Grüße Martina

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