Unerzogen – Leben ohne Konsequenzen, Grenzen und Regeln?

Letzte Woche habe ich hier von unserem Weg des Zusammenlebens erzählt, der geprägt ist von bedürfnisorientierten und unerzogenen Ideen. Viel positives Feedback, aber auch kritische Worte haben mich daraufhin auf dem Blog und in den sozialen Medien erreicht, worüber ich mich sehr gefreut habe. Ich bin natürlich froh, dass viele von euch eine ähnliche Einstellung vertreten, aber auch froh, dass Konzepte, Ansätze, Ideen hinterfragt werden. Erstens sind kein Lebensentwurf und kein „Regelwerk“ jemals perfekt. Und zweitens sollte es niemals Ideologien geben, weder im großen gesellschaftlichen Zusammenleben noch in der kleinen Familie.

Was mich außerdem froh gemacht hat: Die Kritik betraf hauptsächlich die Frage nach Konsequenzen, Grenzen und Regeln, die ich in meinem ersten Artikel als Strafe bezeichnet habe. Viele hatten mir geschrieben, sie würden diesen Punkt anders sehen und haben einen Einblick gegeben, wie sie es in ihrer Familie handhaben. Dabei fiel mir auf, dass sich diese Ansätze oft gar nicht allzu sehr von unserem unerzogenen Weg unterscheiden. Meist geht es um die Wortwahl. Deshalb möchte ich heute präzisieren, wann Konsequenzen und Grenzen zur Strafe werden und wann nicht – denn natürlich gibt es Konsequenzen und Grenzen, die naturgegeben sind, kausal oder auch persönlich. Zu Strafen werden sie dann, wenn die sogenannten vermeintlichen Konsequenzen in keinem logischen Bezug zur Handlung stehen und willkürlich von mir als Erwachsenem festgelegt werden.

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Nehmen wir das beliebte Beispiel „in die Pfütze springen“. Wir sind unterwegs zum Spielplatz, in normaler Spielplatzkleidung, ohne Matschhose. Auf dem Weg treffen wir auf eine wunderschöne Pfütze, die so verlockend glitzert. Das Kind möchte hineinspringen.

Zur Strafe wird es, wenn ich das Pfützen Springen nun mit einer von mir gesetzten Konsequenz verbinde, deren Durchsetzung auf meiner Macht als Erwachsenem basiert: „Wenn du in die Pfütze springst, dann gibt es heute Abend kein Eis/dann nehme ich dein Spielzeug weg/dann darfst du nicht mehr fernsehen!“. Gleiches gilt übrigens auch für den vermeintlich gegenteiligen Belohnungsansatz, der auf Belohnung durch Dinge oder Lob baut: „Wenn du nicht springst, dann bekommst du von mir ein Gummibärchen/dann darfst du heute Abend Heidi schauen. Du bist doch mein großes/braves/liebes Kind, das springt doch nicht in die Pfütze!“. Im Umkehrschluss ist der belohnende Ansatz ebenso ein bestrafender, denn folgt das Kind nicht, erhält es schließlich keine Süßigkeiten und kein Lob. Zudem sollte man bedenken, dass die Antwort des Kindes auch sein kann: „Gut, ich verzichte auf die Gummibärchen! / Ich bin jetzt aber frech! Und springe in die Pfütze.“.

Das Problem mit Strafen (und auch Belohnen bzw. Nicht-Belohnen) ist: Sie funktionieren und sie funktionieren gerade am Anfang oft und gut. Aber sie gründen auf Machtmissbrauch, darauf, dass einer stärker ist als der andere. Beim Bestrafen wird dem Bestraften seine Schwäche, seine Unterlegenheit vor Augen geführt, es findet keine respektvolle Kommunikation auf Augenhöhe statt. Strafen arbeiten mit Angst. Und Strafen nutzen sich auch ab, bei dem einen Menschen früher, bei dem anderen später. Daraus resultieren wiederum meist noch härtere Strafen, noch mehr Strenge. Dabei braucht es gerade dann noch viel mehr Respekt, Zeit und Achtsamkeit für das Kind. Durch Bestrafung lernt das Kind: So wie du bist, bist du nicht in Ordnung. Deine Wünsche, deine Bedürfnisse sind nicht ok. Du musst ganz anders sein, ganz anders handeln, dann mag ich dich.

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Ein straffreier Weg wäre es nun zu sagen: „Du kannst gerne hineinspringen, wirst dann allerdings nass. Wenn du so nass bist, wird dir jetzt bei diesen Temperaturen schnell sehr kalt und möglicherweise erkältest du dich stark. Das heißt, wenn du jetzt hineinspringst, dann müssen wir danach erst noch einmal nach Hause und dich umziehen, zum Spielplatz schaffen wir es dann nicht mehr. Oder du springst jetzt nicht und wir gehen weiter zum Spielplatz.“. Gemeinsam prüfen wir auch manchmal das Wasser mit der Hand, wobei die Kinder sofort selbst spüren können, wie kalt es tatsächlich ist. In diesem Fall werden dem Kind die tatsächlichen Konsequenzen erklärt und reale Grenzen gezeigt. Die Kommunikation findet auf Augenhöhe statt. Wir respektieren den Wunsch des Kindes, geben ihm das Gefühl, dass es in Ordnung ist, von der Pfütze fasziniert zu sein und hineinspringen zu wollen.

Selbstverständlich gibt es aber auch andere Gründe, warum wir in diesem Moment nicht möchten, dass unser Kind in die Pfütze springt und nass und dreckig wird. Vielleicht sind wir gerade auf dem Weg zu einem wichtigen Termin, zum Kinderarzt, verabredet mit der Freundin oder wir sind selbst einfach so müde und erschöpft, dass wir uns nach dem Sofa sehnen. Ich nenne das gerne die persönlichen Grenzen und diese sind selbstverständlich ebenso wichtig. Unerzogen und bedürfnisorientiert heißt nicht, dass wir uns nur noch und ausschließlich nach den Wünschen der Kinder richten, sie zu alleinigen Entscheidern machen und unsere eigenen Bedürfnisse völlig ignorieren. Unerzogen ist ein Weg des Zusammenlebens, der von gegenseitigem Respekt geprägt ist und die Bedürfnisse eines jeden einzelnen berücksichtigt. Es ist nicht nur in Ordnung, sondern ebenso wichtig, unsere Bedürfnisse zu formulieren: „Ich kann verstehen, dass dich die Pfütze fasziniert. Und ich weiß, dass du das jetzt richtig doof findest, das du nicht hineinspringen kannst. Aber weißt du, wir sind sehr in Eile, weil wir gleich mit unseren Freunden verabredet sind / Aber weißt du, Mama ist sehr, sehr müde. Ich bin erschöpft von der Arbeit, muss gleich noch kochen und möchte deshalb jetzt schnell nach Hause gehen. Wir können ein andern Mal wieder ausgiebig Pfützenspringen, aber heute nicht mehr.“.

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Ich weiß, dass viele sich nicht vorstellen können, dass dies so funktionieren kann. Oft höre ich den Einwand, die kleinen Kinder würden das noch gar nicht verstehen. Mit meiner Tochter konnte ich im Alter von knapp 17 Monaten solche „Gespräche“ führen. Das vermeintliche Geheimnis: Zum Einen geht es in erster Linie nicht nur darum, welche Worte man wählt (die sehr kleine Kinder tatsächlich noch nicht verstehen können), sondern WIE man die Worte kommuniziert. Dabei geht es nicht um Säuselstimmchen und viele Koseworte, sondern darum, authentisch zu sein. Du bist müde, erschöpft, genervt? Natürlich darfst du das deinem Kind zu verstehen geben. Aber in Ruhe. Nicht brüllend, von oben herab – im wahrsten Sinne des Wortes: Geh in die Hocke und blicke deinem Kind dabei in die Augen. Nimm es in den Arm, wenn es – was selbstverständlich vorkommen kann – traurig, wütend und verständnislos reagiert. Aber lass dein Kind nicht alleine mit seinen Gefühlen, denn es ist in Ordnung, dass es so fühlt.

Je mehr wir die Bedürfnisse des Kindes verstehen und respektieren und ihnen den gleichen Stellenwert einräumen wie den unsrigen, desto eher kooperieren Kinder in den Situationen, in denen es wirklich darauf ankommt. Wie in allen Beziehungen des Lebens ist es ein stetes rücksichtsvolles Geben und Nehmen.

Wir versuchen eine gleichwürdige Beziehung zu führen. Eine Beziehung, in der die Bedürfnisse von allen Familienmitgliedern gleich wichtig sind. Gleichwürdig heißt übrigens auch nicht gleichberechtigt. Kinder sollten nicht die Entscheider werden, Kinder brauchen Führungspersonen, „Leitwölfe“, wie Jesper Juul sie nennt – ein weiterer toller Pädagoge, dessen bedürfnisorientierte Ansätze viel Einfluss finden bei uns. Kindern, denen alle Entscheidungen überlassen werden, verlieren sich darin. Die Frage ist nur eben, wie Entscheidungen getroffen und kommuniziert werden und inwieweit dabei die kindlichen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Dazu schreibe ich aber gerne noch einmal ausführlicher.

 

Wie immer freue ich mich über Feedback, Kritik, Anmerkungen und Ergänzungen.

 

Eure Martina

 

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4 Gedanken zu “Unerzogen – Leben ohne Konsequenzen, Grenzen und Regeln?

  1. Danke für Deinen Text!
    Auch wir geben uns alle Mühe, unsere Kinder gleichwürdig zu behandeln und zu prägen. Mir fällt es manchmal sehr schwer ruhig und fokussiert zu bleiben, gerade wenn ich müde oder erschöpft bin.
    Aber es funktioniert: direkte Sprache, Respekt vor den Grenzen des Kindes und seinen eigenen Grenzen und Authentizität.

    Danke Dir.
    Lucas

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