Worte hinterlassen Spuren: Warum ich das N-Wort nicht mehr verwende

Der Fasching steht vor der Tür und mit ihm jede Menge Jubel, Trubel, Heiterkeit. Meistens zumindest. Denn auch heute noch, im Jahr 2017, gibt es Veranstaltungen, die den Titel „Negerball“ tragen. „O nein“, denkt sich nun bestimmt das eine und das andere Lager. Die einen, die sensibilisieren möchten für die rassistische und diskriminierende Bedeutung des Wortes „Neger“ und die anderen, die mindestens die Augen verdrehen ob dieser vermeintlich übertriebenen political correctness. Schließlich ist es doch nur ein Wort. Worte sind allerdings nie „nur“ Worte. Dazu gleich mehr.
Zuerst möchte ich noch auf zwei Punkte in dem Streit um besagten Ball hinweisen: 1. Der Ball findet schon seit vielen, vielen Jahren statt mit dem Ziel, Geld für die Entwicklungshilfe in Afrika zu sammeln. Die Bezeichnung sollte schwarze Menschen also nicht diskriminieren, sondern darauf aufmerksam machen, um wen es an diesem Abend gehen soll – was das Wort selbstverständlich nicht besser macht. Vor vierzig Jahren war die Bezeichnung „Neger“ zudem noch gesellschaftlich akzeptiert – was es selbstverständlich ebenfalls nicht besser macht. Aber man sollte diese Umstände gerade im Gespräch mit älteren Menschen im Hinterkopf behalten. Denn – und damit zu 2. – viele Menschen, die in Deutschland das N-Wort verwenden, meinen es tatsächlich nicht böse. Sie wollen damit  schwarze Menschen weder diskriminieren noch beleidigen. Das macht die Nutzung des Wortes natürlich nicht weniger schlimm oder verletzend. Doch wenn ich in einer solchen Diskussion jemanden erreichen möchte, sollte ich mein Gegenüber auch ein bisschen verstehen und ihm nicht gleich mit der Rassisten-Keule ins Gesicht schlagen. In den allermeisten Fällen erreiche ich mit einem freundlichen Gespräch nämlich so viel mehr, zumindest zeigt mir das meine eigene Erfahrung.
Und damit wären wir wieder bei der Kraft von Worten. Worte sind eben nie einfach „nur“ Worte. Worte besitzen Macht: Sie können uns zum Lachen bringen und zum Weinen, sie können uns berühren und trösten. Worte haben die Kraft, unsere Seele zu heilen, aber auch um uns tief zu verletzen. Jeder von uns wurde bestimmt schon einmal mit Namen genannt, die ihn gekränkt haben, denn Schimpfworte und Beleidigungen schmerzen immer. Sie tun weh, stellen uns bloß, machen uns wütend. Vor einigen Jahren hatte ich beispielsweise eine Diskussion mit einem jungen Mann, der es  lustig fand, Frauen als F*tzen zu bezeichnen. Ja, ernsthaft. Auf meinen Hinweis, wie extrem beleidigend dieses Wort ist, kam als Antwort nur, das sei doch lustig gemeint und ich solle mich gefälligst nicht so anstellen (mit ihm war definitiv kein freundliches Gespräch mehr möglich). An diesen Moment denke ich aber immer, wenn ich ähnliche Antworten lese im Bezug auf das N-Wort, daran,  wie oft dieser Satz fällt, wenn schwarze Menschen darum bitten, nicht mehr Neger genannt zu werden. Und ich frage mich: „Wenn jemand zu mir sagt: Bitte nenne mich nicht so, es verletzt mich“, wie käme ich dazu, ihm zu antworten, er solle sich nicht so anstellen? Auch wenn ich es nicht böse meine – wenn sich jemand durch meine Wortwahl getroffen fühlt, dann benutze ich das Wort eben nicht mehr. Oder? Sollte das nicht selbstverständlich sein im respektvollen Umgang miteinander?“
Denn ja, das Wort „Neger“ ist rassistisch und diskriminierend. Es geht zurück auf die Kolonialzeit, als man die schwarze Bevölkerung als eine unterentwickelte, minderwertige Rasse betrachtete, als faule, träge „Halbmenschen“ und ungebildete Wilde, die beliebig ausgebeutet, versklavt und ermordet werden durften. Noch heute erschüttert es mich, das nur zu lesen. Wie unerträglich muss es gewesen sein, als schwarzer Mensch damit zu leben – und leider ist es das oft noch immer. Diese herabwürdigenden Eigenschaften sind seitdem mit dem Wort ‚Neger’ verbunden, weshalb es mit Recht als diskriminierend empfunden und auch offiziell als solches eingestuft wird.
Warum also sollten wir an diesem Wort in der Alltagssprache festhalten, wenn die Mehrheit der betroffenen Bevölkerungsgruppe uns doch zuruft: „Bitte nicht!“? Warum den Ball nicht „Afrikaball“ nennen, ihn zu einer würde- und respektvollen Veranstaltung machen, statt ihn nun einfach in das lautsprachliche „Negaball“ umzuschreiben? Wer das N-Wort nämlich wider besseren Wissens einfach weiter verwendet, der muss sich tatsächlich dem Vorwurf des Rassismus stellen.
Wie es sich noch heute für Menschen mit dunklerer Hautfarbe anfühlt, welchen herabwürdigenden Situationen sie oftmals noch immer ausgesetzt sind, könnt ihr übrigens in einem sehr persönlichen und berührenden Post der tollen Rebecca nachlesen, zu finden auf ihrem zauberhaften Blog: http://www.elfenkindberlin.de/2017/02/07/ich-kann-nicht-aus-meiner-haut-dunkelhaeutig-in-deutschland/
In diesem Sinne: Schaut auf eure Worte, denn sie werden zu euren Handlungen.
Eure Martina
p2230477
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2 Gedanken zu “Worte hinterlassen Spuren: Warum ich das N-Wort nicht mehr verwende

  1. Danke Dir. Ich sehe das genauso. Ich versuche mich auch zu zügeln, nicht jeden sofort in die Rassisten Schublade zu stecken. Aber was mir schleierhaft ist, warum eben viele Menschen, wie Du auch meintest, dann sagen: Ach die sollen sich nicht so anstellen. Was soll das, daran festzuhalten?
    Ich bin auch immer dafür gewesen, dieses Wort aus Büchern zu streichen und zu ändern. Ich habe gesehen, wie verletzt SchülerInnen sind, die in der Schule Texte lesen, in denen das N-Wort plötzlich auftaucht. Zu Recht. Aber sooo viele Leute pochen auf das Urheberrecht und dass man Werke nicht ändern darf. Aber für mich sind Bücher, besonders Kinderbücher, für uns Menschen geschrieben. Und sie sollen uns erfreuen und nicht verletzen. Also warum nicht das Verletzende ändern?
    Es wird noch lange dauern, bis das und andere Worte verschwinden.

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    1. Danke dir für deinen langen und so treffenden Kommentar. Ich bin so froh, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine bin und finde es so wichtig, dass jeder dafür einsteht. Auch bei den Büchern bin ich ganz bei dir… sobald ich es schaffe, werde ich dazu auch noch einmal einen Artikel schreiben.
      Liebe Grüße
      Martina

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