Unser Alltag ist ihre Kindheit

Zeit ist relativ, sehr sogar. Als Kind habe ich mir oft gewünscht, sie möge schneller vergehen. Ich wollte endlich groß, endlich erwachsen sein. Beides bin ich mittlerweile, mehr oder weniger. Mit 1,65m nicht allzu riesig – und erwachsen? Eine gute Frage. Was ist erwachsen? Der Bausparvertrag, die Hochzeit, Kinder bekommen, arbeiten gehen? Vernünftige Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen? Einen Bausparvertrag habe ich nicht und mit der Vernunft ist das mitunter auch so eine Sache. Also bin ich vermutlich ziemlich erwachsen, aber nicht ganz, glücklicherweise. Das kleine verrückte Kind in mir, das an Wunder glaubt und den Zauber der Welt sieht, das will ich mir nämlich erhalten.

Trotzdem ist da dieser Zeitpunkt, an dem man realisiert, dass sich irgendwie etwas geändert hat. Das liegt meist weniger an gebauten Häusern oder an Eheurkunden. Mein persönlicher „Ich-glaube-ich-bin-erwachsen-Moment“ war der, als ich zum ersten Mal überrascht realisiert habe, wie unfassbar schnell doch die Zeit vergeht. Wie sie nicht nur vergeht, sondern rast. Etwas überrumpelt habe ich mich gefragt, wo denn plötzlich die scheinbar niemals endenden Sommertage meiner Kindheit hin sind. Diese Zaubertage voller Abenteuer: Frösche fangen und im Dorfteich aussetzen, Dämme bauen und Hütten im Wald, zerschrammte Knie, Dreck unter den Nägel (wobei das heute noch so ist, die Sache mit den Knien und den Nägeln. Wie gesagt, ganz erwachsen bekommt man mich nicht). Eis und Kirschen essen, bis man Bauchweh hat, den Nachmittag im Schwimmbad verbringen, das einem damals riesig vorkam. Die Tage bis zu den Ferien zählen – mit drögen Mathe- oder Erdkundestunden, die sich wie Kaugummi gezogen haben. Heute wünsche ich mich manchmal in diese Langeweile zurück. Und glaubt mir, es gab wenig, das ich langweiliger fand als die geologischen Beschaffenheiten der deutschen Mittelgebirgslandschaft.

Unser Alltag ist ihre Kindheit

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Die Kindheit ist ein unglaubliches Geschenk, ein kleines Stück Ewigkeit. Niemals konnte man sich als Kind vorstellen, dass dieses Gefühl endet, dass die magischen Sommer und Winter vorbei gehen, das irgendwann die Tage, Wochen und Monate vorbeirauschen wie ein Wimpernschlag. Aber es passiert. Das heißt nicht, dass das Leben nun weniger schön ist – ich mag mein Leben. Es dreht sich eben schneller, auch wenn ich mir viele Momente immer wieder bewusst mache, den Vögeln zuhöre, auf den See blicke, den Geruch des Flieders atme oder den des frisch gemähten Grases. Vor allem versuche ich mich aber regelmäßig daran zu erinnern, dass dieses Hier und Jetzt gerade eben die Kindheit meiner Tochter ist. Wenn sie mit ihrem Papa im Garten werkelt, mit mir Muffins backt oder beim Nähen hilft, auf ihre eigene Art und Weise und soweit sie das eben schon kann. Wenn sie mich zum 2.745 Mal „Aber warum denn?“ fragt und abends um 22 Uhr noch immer nicht schlafen mag, weil die Sterne am Himmel so viel spannender sind. Dann nehme ich sie in den Arm und gemeinsam halten wir nach dem Mann im Mond Ausschau. Ich flechte ihre Haare und kraule ihren Rücken, so wie es meine Oma immer gemacht hat, auch wenn mir dabei der Arm fast einschläft. Denn unser Alltag ist ihre Kindheit. Wie wir heute mit unseren Kinder leben, das sind ihre Erinnerungen von morgen.

Sammle Erinnerungen, nicht Dinge

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Wenn der Tag kommt, an dem Lene plötzlich feststellt, dass die Welt sich viel schneller dreht, soll sie einen solchen Kindheitsschatz in sich tragen. Das Gefühl von Geborgenheit, das Wissen, geliebt zu sein. Sie soll sich an den Geschmack von Johannisbeeren aus Omas Garten erinnern, an das Gefühl von nassem Gras unter nackten Füßen, an Schneeballschlachten mit den Nachbarskindern. Daran, wie sie mit Papa Pizza backt und mit Mama hinterher die Mehlreste aus den letzten Winkeln pustet. Dabei geht es gar nicht so sehr um die großen Dinge. Selbstverständlich sind Reisen nach Mexiko toll oder ein Garten mit Pool, ein Trampolin und ein teures Fahrrad. Aber viel wichtiger sind die vermeintlich kleinen Dinge. Sich zwischen Wäsche und Hausputz die Zeit nehmen, um gemeinsam ein Buch zu lesen oder Puppenkleider zu waschen. Der Spinne beim Netze bauen zusehen und auf Ästen balancieren. Das ist nämlich nicht nur die Zeit, die wir unseren Kinder schenken – das ist auch die Zeit, die sie uns schenken.  Wir müssen sie nur annehmen.

Welches sind eure liebsten Kindheitserinnerungen? Und welche sammelt ihr mit euren Kindern? Macht es euch schön, so schön es geht!

Alles Liebe

Martina

 

 

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3 Gedanken zu “Unser Alltag ist ihre Kindheit

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