Mama, ich bin eine Prinzessin! Wie unsere Tochter alle genderneutralen Bemühungen torpediert

Als die kleine Frau ungefähr sechs Monate alt war, ergab sich im Wartezimmer des Kinderarztes folgende Situation: Eine Mutter betrat mit ihrer etwa gleich alten Tochter den Raum. Dass es sich um ein Mädchen handelte, war angesichts der akut rosa-lastigen Hello-Kitty-Vollmontur inkl. Haarband mit Blume nicht zu übersehen. Die Frau blickte lächelnd auf Lene, die in einer beigefarbenen Cordhose und einem blau geringelten Pulli steckte: „Wie süß! Wie heißt er denn?“ „Er ist ein Mädchen und sie heißt Marlene.“ -„Oh, die Arme. Sie sieht in diesen Klamotten ja gar nicht wie ein Mädchen aus!“

Tja nun, tatsächlich: zieht man die hier und heute herrschenden Maßstabe bezüglich typischer Mädchenkleidung heran, dann sah meine Tochter wohl wirklich mehr nach Junge aus. Aber ist das ein Grund für Mitleid? Ernsthaft? Hier und heute, im Jahr 2017? Ok, ich gebe zu, ich hatte genauso Mitleid mit dem Kind dieser Frau, dass sich verzweifelt das praktische Glitzerblumenhaarband entfernen wollte, daran jedoch immer wieder  gehindert wurde („Nein, das lassen wir schön auf!“ – Was mich auf die nächste Frage bringt, warum manche Mütter im Zusammenhang mit dem Nachwuchs plötzlich ausschließlich in der wir-Form sprechen; aber bevor das den Rahmen sprengt, verschiebe ich dieses Thema auf ein anderes Mal). Darüber hinaus hat mich dieser Vorfall allerdings gleichzeitig zum Nachdenken gebracht. Nicht wegen des Mitleids und ob diese Mutter Recht haben könnte; denn ob nun ein Mädchen einen braunen Pulli mit Traktor trägt oder ein Junge ein lila Tütü, sollte eigentlich vollkommen schnurzpiepegal und allein die Entscheidung des Trägers sein.  Trotzdem habe ich mich gefragt, wie frei von bestimmten Gender-Bildern wir wirklich in der Wahl der Baby- und später Kinderkleidung sind. Oder auch bei Spielzeug, Büchern, Instrumenten, Sportarten. Klar, ich wollte nicht das typische Mädchen mit der Garderobe in rosa, lila und weiß, mit Einhornstofftier und Lillifee. Wir waren in allen Bereichen um eine möglichst große Geschlechtsneutralität bemüht: rosa Kleider gab es quasi nur, wenn es ein Geschenk war, das Spielzeug umfasste neben der Puppe genauso ein Feuerwehrauto aus Holz, wir haben fleißig Fußball gespielt und dem Kind ein möglichst vollumfängliches Räubertochter-Dasein ermöglicht.  Ich gebe zu, so ein bisschen habe ich mir eine Pippilotta Viktulia gewünscht, die Retro-Kleider mag und Latzhosen mit Bullerbü-Charme. Die ihre dunklen Locken lieber kürzer trägt mit einem frechen Pony. Das war mein Wunschbild, dem ich nachgehen konnte, solange Lene egal war, wie sie aussah. Aber habe ich ihr damit nicht ebenfalls bereits ein bestimmtes Bild aufgedrängt – die Anti-Prinzessin sozusagen?

Dann kam ein Tag im Dezember 2015, Lene war knapp 17 Monate alt und brauchte dringend neue Winterstiefel. Im Kinderschuhladen wurden ihre Füße vermessen und die Verkäuferin brachte zwei Kartons: „Die haben wir in blau und rosa. Welche Farbe möchtet ihr denn?“ -„Blau, bitte.“ Gesagt, herausgeholt. Ich nehme den Schuh, will ihn meiner Tochter anziehen und ernte nur empörtes Protestgeschrei. Ok, denke ich, vielleicht wird es ihr zuviel, der Schuhkauf, die fremden Leute, das Anprobieren. Wir spielen kurz mit einer Puppe, laufen umher und ich starte Versuch Nummer zwei, mit dem gleichen Ergebnis. Die Verkäuferin kommt hinzu und hält mir das Modell in altrosa vor die Nase: „Vielleicht mag sie ja lieber die hier?“ -„Nein, also das kann ich mir nicht vorstellen.“ Neeeein, haha, natürlich nicht – von wegen. Selig lächelnd lässt sich meine Tochter die rosa Schuhe anziehen und tanzt damit aus dem Laden. „Hmm“; denke ich mir, „sie mag also lieber rosa. Aber doch nicht jetzt schon. Oder? Kann das sein?“

Ja. Kann es.  Der erste, feierliche, altrosa bekleidete Schritt in die Prinzessinnenwelt. Denn das will Lene nämlich sein, seit sie etwa 2,5 Jahre alt ist: eine Prinzessin mit sich drehenden Kleidern, in rosa oder weiß (immerhin weiß, sag ich mir dann), mit Spitze und Glitzer. Die Schuhe sollen klackern, die Handtaschen glänzen und wo bitte bleibt das Einhorn mit den goldenen Haaren? Ich gebe zu, dass ich es mir anders gewünscht hätte, Räubertochter statt Prinzessinnenelfe. Aber ich habe mir schon immer geschworen, dass nicht ich entscheide, wie oder wer mein Kind sein soll, sondern mein Kind selbst. Sie darf ein Lausbub à la Michel von Lönneberga sein, ein Junge, wenn sie das möchte und genauso darf sie Mädchen sein, mit allem, was sie als Mädchen möchte. Also lackiere ich auf Lenes Wunsch hin ihre Nägel rosa, nähe Kleider en masse, kaufe ein weißes Plüschpferd mit rosa Sattel und lasse sie ausprobieren, wer sie sein mag. Im Übrigens ist sie nämlich nie nur Prinzessin, sondern spielt weiterhin liebend gern Fußball im weißen Tülltraum und begeistert sich mit Leidenschaft für die Feuerwehr. Und so sehr sie auf „schöööne Kleider“ und „rooosa Nagellack“ steht, so sehr hasst sie Zöpfe und Haare kämmen. Nur ganz selten darf ihr wildes Haar gebändigt werden.

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Ich glaube, dass es wichtig ist, den Kindern stets alles offen und gleichwertig zu zeigen und sich nicht auf geschlechtstypische oder eben auch bewusst geschlechts“untypische“ Farben, Spielsachen und Verhaltensweisen festzulegen. Schließlich begrenzt es doch genauso, wenn ich meinem Kind das vorenthalte, was quasi „eigentlich und offiziell“ für sein Geschlecht gedacht und von der breiten Gesellschaft in dieser Hinsicht abgesegnet ist. Auch wenn das für mich im Moment bedeutet, dass ich in einer sehr rosa Welt lebe, viel über Pferde spreche, selbige regelmäßig besuche und ich Lene mitunter nur noch mit „Sisi“ oder „Ihre Majestät“ ansprechen darf. Ich lebe aber gerne in diesem pinken Universum, denn hier ist meine Lene glücklich. Dieses Strahlen in den Augen werde ich ihr später auf den Bildern zeigen, wenn sie mich entsetzt fragt, wie ich zulassen konnte, dass sie als kleines Mädchen als rosa Rüschenfräulein mit glitzernden Elfenflügeln herumlief – eine Frage, die ich wiederum meiner Mutter ebenfalls schon im Bezug auf meine eigene Kindheit gestellt habe. Ihre Antwort wird in einigen Jahren auch meine sein: Weil du es wolltest. Und weil du dich so darüber gefreut hast.

Mein liebstes Kind, geh deinen Weg in all den Farben, die du möchtest. Ich freu mich, wenn ich dich begleiten darf!

She’s like a Rainbow
Coming, colors in the air
Oh, everywhere
She comes in colors

 

Liebste rosarote Grüße

 

Eure Martina

 

PS: Ja, und wirklich: Hätten wir einen Jungen, der ein rosa Kleid tragen möchte, es stünde ihm frei!

 

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6 Gedanken zu “Mama, ich bin eine Prinzessin! Wie unsere Tochter alle genderneutralen Bemühungen torpediert

  1. Ach liebe Martina, ich kenne diese Bemühungen nur zu gut. Und was ist dabei rausgekommen? Eine verträumte Prinzessin, die allerdings Haare kämmen auch nicht so wichtig findet und sich in rosa Kleidchen in den Matsch schwingt und abends vor Dreck starrt und ein wilder Junge, der den lieben langen Tag Rasen mäht- mit allem was er in die Hände kriegt, unter anderem Helens rosa Puppenwagen. Zwischendurch legt er ihn auf die Seite um die Messer zu schärfen, mit seinen kleinen Arbeiterhändchen mit rot lackierten Nägeln übrigens.
    Ich find es so schön zu beobachten, wie Sie sie selber sind und ganz unbeirrt das machen und tragen, was ihnen gefällt.
    Und meine genähten Retro-Latzhosen zieht keiner von beiden an. Tja, verschenk ich sie eben.
    Du machst das so richtig, grüß deine rosa Lene von uns,
    Glg Elli

    Gefällt 1 Person

    1. Meine liebe Elli,

      mich beruhigt es immer ungemein zu lesen, dass es dir bzw. euch irgendwie auch nicht anders geht 🙂 Naja, Hauptsache, unsere rosa Räuber-Prinzessinnen sind glücklich! Mein Papa bräuchte außerdem definitiv noch einen Enkel wie Tristan, denn Marlene verweigert ihm vehement das Mitmachen beim Rasenmähen, dabei hat er doch sogar einen kleinen Rasenmähtrecker auf dem man sitzen kann 😀

      Liebste Grüße an euch zurück,
      Martina

      Gefällt 1 Person

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