Vom Wunsch nach Diskussionskultur. G20-Fazit die Erste.

Stricken, Sonnenuntergänge, Bullerbü – ein bisschen sehr idyllisch mutet mein Blog oft an. Dabei bin ich weit entfernt von trudeliger Heimeligkeit und meine Interessen enden auch nicht an der Spitze der Stricknadel. Hin und wieder poste ich also meine Meinung zum Weltgeschehen, meist auf meinen Social Media Kanälen. So geschehen am 7. Juli 2017, als ich ein Statement zu den Ausschreitungen in Hamburg abgegeben habe. Das las sich so:

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„Hallo schwarz vermummte Gestalten, die ihr gerade durch Hamburg zieht und eine Spur der Verwüstung und Gewalt hinterlasst – ich hab da ein paar Fragen, ernsthaft. Deren Antworten mich wirklich interessieren würden. Klar, gerade habt ihr keine Zeit, weil Ihr Kleinwägen, Familienkutschen und Spielzeugläden abfackeln müsst – womit ich schon beim Thema wäre. So weit ich verstanden habe, seid ihr „gegen G20“ und „Kapitalismus“, gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Klassengesellschaft. Da bin ich ganz bei euch. Auch ich sehe, dass in diesem System vieles beschissen läuft und das ist oft noch nett ausgedrückt. Und das dringend auf diese Missstände hingewiesen werden sollte, das wir protestieren und unseren Unmut kund tun, ja, ja, drei Mal ja!
Nur frag ich mich: warum muss man dazu das Eigentum anderer zerstören? Das kleine Auto der Nachbarin anzünden, für das sie monatelang gespart hat? Den alten Bulli einer Familie, die mit drei Kindern und normalen Jobs gerade so über die Runden kommt? Warum schlägt man privat geführte Familien-Läden kurz und klein, warum schmeißt man Brandsätze durch kaputte Schaufenster? Und nimmt damit billigend in Kauf, dass Menschen, die in den Wohnungen darüber leben, zu schaden kommen? Sterben können? Kinder, Frauen, alte Menschen – ist euch das eigentlich scheiß-egal?
Ehrlich gesagt weiß ich gerade nicht, ob ich wütend oder traurig sein soll. Beides irgendwie. Dank euch gewaltbereiter Arschlöcher #sorrynotsorry #abernichtsanderesseidihr #dasistnichtlinksnichtmalanarchistischsonderneinfachnurscheisse, dank euch wird in den Medien nun nicht über ernsthafte, sinnvolle Kritik an G20 berichtet. Alles, was hängen bleiben wird, sind die Bilder von ausgebrannten Autos, kaputten Läden, zerstörtem Eigentum und diskutiert wird nur darüber, wie man zukünftig mit euch umgehen sollte.
Ich weiß nicht, was in eurem Leben schief gelaufen ist, dass ihr so voller blindem Hass seid. Ich wünsch euch ehrlich, dass ihr etwas Liebe und Frieden findet. Und bis dahin: #welcometohell #gobacktohell #ihrseidnichthamburg #hassistkrassliebeistkrasser“

 

Daraufhin passiert das, was sich vermutlich viele wünschen, für mich aber gelinde gesagt fast zu einem kleinen Alptraum wurde: Der Post ging viral. Nach drei Tagen war der Text über 25.000 Mal geteilt, über 40.000 Mal geliked und über 3.000 Mal kommentiert worden. Dabei begann zunächst alles ziemlich harmlos, wie immer. Einige Gefällt-mir-Angaben, einige zustimmende Kommentare, die erste ergänzende und sachliche Kritik. Als ich am nächsten Morgen aufgestanden bin, war die Anzahl der Reaktionen nicht nur explodiert, es fanden sich außerdem Kommentare auf meiner Seite, von denen ich gehofft hatte, sie dort nie lesen zu müssen. Von Arbeitslager war die Rede, vom An-die-Wand-stellen, Niederknüppeln, und überhaupt solle man am besten Auschwitz wieder eröffnen. Das mir davon mindestens k*tzübel wird, muss ich hoffentlich nicht extra betonen und erklären. Trotzdem habe ich anfangs versucht zu moderieren. Ich war unsicher, ob ich die Kommentare einfach löschen soll, denn Zensur wollte ich mir ebenso wenig vorwerfen lassen. Mittlerweile habe ich die schlimmsten Aussagen aber entfernt, denn Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung sollten nie und nirgendwo einen Raum finden. Vermutlich habe ich trotzdem nicht alle gefunden, man möge es mir nachsehen.

Und wozu nun der Post?

Wenn ich solche – zugegeben – eher kurzen und emotionalen Posts online stelle, dann wünsche ich mir natürlich eine Reaktion. Und ja, ich freue mich über Zustimmung, wer tut das nicht? Ich freue mich aber genauso über konstruktive Kritik, über Korrekturen, über Diskussionen. Über einen respektvollen Austausch miteinander. Meine Meinung ist nämlich nicht die einzig wahre, in Stein gemeißelte, unverrückbar immerdar gültige Meinung, die ich allen anderen aufzwingen muss. Wenn ich mich für Beweggründe interessiere und nach Erklärungen suche, dann frage ich nach, wie in diesem Fall (Das „Arschloch“ war natürlich nicht die feine englische Art, das darf man mir gerne vorwerfen.). Antworten gab es jedenfalls und die allermeisten waren nett, höflich, hilfreich, im weitesten Sinne zielführend.  In erster Linie betraf die geäußerte Kritik die Frage nach der Gewalt, da in meinem Text nur die Gewaltbereitschaft des schwarzen Blocks thematisiert wurde. Darüber hinaus lautete der Vorwurf, ich würde behaupten, die Randalierer wären links politisch motiviert, wobei ich mich eigentlich mit dem Hashtag „dasistnichtlinksnichtmalanarchistischsonderneinfachnurscheisse klar positioniert habe. Dass ich allerdings überhaupt nicht auf die ebenfalls stattgefundene Polizeigewalt bzw. die inakzeptable Polizeiführung durch Senat (und Politik) eingegangen bin, ja, das ärgert mich. Vermutlich hätte mir das einige der Kommentare von rechtsaußen erspart.

Bist du nicht für mich, bist du gegen mich

Der ursprüngliche Plan war deshalb, relativ zeitnah einen ausführlicheren Text zu schreiben. Über Gewalt, zwischenmenschliche und strukturelle, über Recht und Ungehorsam, der zur Pflicht wird, über die Frage, was links ist, was es nicht sein sollte, über ach, so viel, viel und noch mehr. Je länger ich den Diskussionen in den Medien folgte, desto länger wurde die Liste – insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sich überhaupt nicht mehr um Diskussionen gehandelt hat. Unabhängige Berichterstattung, differenzierte Betrachtungsweisen, mal über den eigenen Tellerrand schauen, zumindest den Versuch wagen, den anderen zu verstehen (was übrigens NICHT bedeutet, dass ich dem Gegenüber damit automatisch Recht gebe oder sein Verhalten rechtfertige), ja, danach hielt man irgendwann verzweifelt Ausschau. Wie immer bestimmten die wunderbar einfachen Losungen den Tenor: Du bist gegen Polizeigewalt, also findest du es natürllich gut, dass Autos brennen, du linksversiffter Terrorist. Du findest Autos anzünden scheiße, oha, ein Polizistenfreund! Vermutlich auch ein verkappter Rassist, denn Flüchtlingsheime anzünden ist viel schlimmer. JA, Menschen anzünden IST schlimmer als Autos anzünden. Wer das in Frage stellt, der hat sich seine Nazi-Ecke mehr als verdient. Trotzdem ist es scheiße, das Eigentum anderer zu zerstören. Whataboutism hat Probleme noch nie gelöst.

Klar, Verhältnismäßigkeit ist wichtig. Jeden Tag sterben hunderte Menschen auf der Flucht, Kinder verhungern, werden als Soldaten missbraucht, verschleppt, zwangsverheiratet. Die halbe Welt versinkt im Chaos, Städte, Dörfer, ganze Länder werden von Kriegen zerstört – und scheinbar interessiert das niemanden (mehr). Kein täglicher Aufschrei der Wut, der Empörung, der Trauer ist zu hören. Bis plötzlich ein Bruchteil dieser Gewalt in den eigenen Alltag eindringt. Allerdings führt dies bei den wenigsten (und am allerwenigsten bei den direkt Betroffenen) dazu, dass man durch diese Aktionen sich vermehrt den Menschen zuwendet, die es im Leben noch schlimmer, viel viel schlimmer getroffen haben. Denn was ist nun das großartige, erwartbare Ergebnis dieser Chaostage? Der Ruf nach mehr Sicherheit, mehr Überwachung, mehr Einschränkungen. Und sie dreht sich munter weiter, die Spirale der Gewalt.

Gewalt ruft immer Gewalt hervor. Wut entfacht Wut, Hass zerstört alles. Und was sich draußen im Großen abspielt, das spiegelt sich in der Diskussionskultur wider. Beleidigen, Niederbrüllen, Verletzen scheinen mittlerweile zum Standardrepertoire zu gehören. Ja, ich bin die friedliebende naive Träumerin, die natürlich unglaubliches Glück im Leben hatte – geboren mit weißer Haut, dem richtigen Pass, hinein in die behütete Mittelschichtwelt. Habe ich deshalb nicht das Recht, mich für einen gewaltfreien Weg einzusetzen? Darf ich keine Missstände anprangern, weil ich schon selbst das Problem bin? Aber wo fängt diese Problematik an, wo hört sie auf? Ist die Familie mit zwei Kindern, die in einer moderaten 2-Zimmer-Wohnung in der Großstadt lebt schon Establishment oder beginnt es erst mit dem Eigenheim auf dem Land? Und wenn ja, ab welcher Größe? Ab welchem Einkommen? Oder überhaupt schon mit dem Status als Arbeitnehmer? Wie ist es als Arbeitgeber? Da gibt es schließlich auch solche und solche.

Offensichtlich sind die Dinge eben nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Das hier ist auch tatsächlich nur ein Bruchteil dessen, was sich an Gedankenmacherei aus meinem Ursprungs-Post ergeben hat. Vermutlich war dieser Text darum nicht der letzte Text zu diesen Themen. Und ja, ich freu mich wirklich auf andere Meinungen, die können nämlich ganz schön erhellend sein. Wenn sie dann noch halbwegs höflich formuliert sind – umso lieber.

In diesem Sinne – bleibt kritisch, bleibt respektvoll. Frieden ist nicht das Ziel, Frieden ist der Weg.

 

Martina

 

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Vom Wunsch nach Diskussionskultur. G20-Fazit die Erste.

  1. Ach Liebes, ich habe mich richtig erschreckt, als ich gesehen habe, was auf deinem FB-Account abging und wollte dir die ganze Zeit schon dazu schreiben- aber ohne dass es in diesem Wust untergeht. Als ich dein Statement gelesen habe habe ich genickt und gedacht: Da hat sie aber den Nagel auf den Kopf getroffen, meine Wortheldin. Auch ich bin wohl sehr naiv und konnte es nicht fassen, dass das zu so wilden Reakionen führt. Also erst mal Hut ab vor deinem Mut, überhaupt nochmal zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Ich teile deine Meinung und finde auch sehr wohl, dass man auch in ‚unserer Situation‘ sehr wohl Kritik äußern darf. Mich ermüdet dieses Schwarz-Weißdenken und dass es bei vielen Themen immer gleich so zur Sache geht und man in eine Ecke gedrängt wird. Ich mag dich und deinen Blog, weil du dir nicht das Wort verbieten lässt, Stellung beziehst und michvtrotzdemmschonmal nach Bullerbü entführst. Mach weiter so und lass dich nicht entmutigen.
    Drück dich, Elisabeth

    Gefällt 1 Person

  2. Wortheldin, jetzt werd ich aber rot wie eine Tomate 🙂 Dankeschön! Ja, also das der Text sich so verbreitet, hätte ich nun auch nie gedacht… aber hey, war mal eine Erfahrung 😀 Ich kann jetzt zumindest deutlich besser nachvollziehen, wie es großen Bloggern geht und warum die manchmal dann doch blockieren oder löschen. Alles muss man sich einfach wirkich nicht anhören.
    Ja, dieses ewige schwarz-weiß, das macht mich wahnsinnig. Das ist so unproduktiv! Und deshalb werde ich auch weiterhin meinen Senf raus hauen, wenn mir zu einem Thema danach ist – mein Blog ist ja irgendwie ohnehin ein Sammelsurium an allem möglichen, von Stricken bis Schanzenrandale 😀
    Ich drück dich zurück, liebe Elli! Martina

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