on beauty. Oder: FCK you, Schönheitsideale

Oh Schönheit, du ewig weibliches Tribut, du unsegensvoller Fluch. Seit Jahrtausenden sind wir Frauen verfolgt vom Bild des perfekten Körpers, von der Sehnsucht nach begehrenswertem Aussehen. Wir erliegen dem Irrglauben, dass wir dann endlich unser Glück finden, wenn unser Haar voll, die Haut glatt und der Körper eine in 90-60-90 erstrahlende, trainiert-definierte Muskelmasse ist. Das Traurige daran ist allerdings, dass wir dafür nicht nur Unmengen an Zeit und Geld opfern, sondern letzlich genau das, was wir zu erreichen hoffen: unser Glück. Die Zufriedenheit. Den Stolz auf sich und seinen Körper, nämlich so wie er ist.

Aber klar, wie sollte man nicht ins Grübeln kommen, wenn dir die Gesellschaft ununterbrochen einen Spiegel vorhält und dir zuruft: Sieh dich doch an! Spliss! Pickel! Falten! Die Zähne gelb, der Bauch weich, von der Orangenhaut ganz zu schweigen! Und sind das etwa HAARE in der Bikinizone??! Schätzchen, ich möchte dir ja nicht zu nahe treten, denn natürlich, wichtig ist selbstverständlich, dass du dich wohl fühlst, aber mal ehrlich: was bist du nur für ein unsportliches, ungepflegtes Schwein. Leider muss ich mich nun etwas angewidert abwenden.

Klingt überspitzt? Dann solltet ihr wohl besser keine Frauenzeitschrift lesen. Oder Werbung für typische „Frauenprodukte“ und Workout sehen. Oder mit Männern über Frauen sprechen oder – meist noch gnadenloser – mit anderen Frauen über Frauen. Denn das ist doch der vorherrschende Tenor: Auf einen vorab platzierten Alibi-Artikel oder -Spruch  („Lieb dich wie du bist!“ „Schluss mit dem Magerwahn!“ „Sei einfach du selbst!“), folgt in all den Jolies, Vogues, Maxis und LisaLauraBrigittes dieser Welt eine gnadenlose Abrechnung mit zu dicken Stars und Sternchen sowie eine ganze Sammlung an hypergephotoshoppten Werbeanzeigen, Beauty-Tipps, Styling-Ratgebern und Blitzdiäten, die viele von uns nach 10 Seiten verstört zurücklassen. Wir verschleudern unser Geld und nebenbei bemerkt wertvolle Ressourcen unseres Planeten, um die wöchentlich neuen Kollektionen in den riesigen Massenwarenkaufhäusern zu shoppen – und kommen doch nie ans Ziel, denn kaum haben wir einen vermeintlich aktuellen hippen Kleiderschrank, brauchen wir schon die nächsten It-Pieces um nicht out zu sein. Wir knabbern Salat und zählen Kalorien, verlieren den Spaß am Essen und am Sport, weil wir uns nicht mehr um der Freude an der Bewegung willen bewegen, sondern dabei unsere Po auf Mrs. Kardashian-Niveau pumpen wollen. Unser Kalender ist voll mit Terminen beim Waxing, Friseur, Nagelstudio und der Kosmetikerin. Wir fürchten Falten wie der Teufel das Weihwasser und graue Haare sind ein Grund dieselbigen zu raufen.

Natürlich hat die Wirtschaft kein Interesse daran, diesen Zustand zu ändern. Wozu auch, ganze Branchen verdienen Milliarden daran. Sie verdienen an unseren Ängsten, an unseren Zweifeln, an unserem Selbtshass, den sie schon in frühen Jahren zu säen beginnen. Bereits die Zeitschriften für Kleinkinder sind bestückt mit „Deinem ersten Make-Up!“ in Prinzessinnenoptik. Hübsch-Sein als oberstes weibliches Ziel. Die Mädchenzeitschriften für die 10-12jährigen machen dann schon deutlicher, wo die eigenen Schwachstellen liegen: „So schminkst du deine schmalen Lippen verführerisch größer!“ „Die besten Styling-Tipps für kräftige Oberschenkel!“. Klar, sie hauen dir nicht direkt ins Gesicht, dass du hässlich bist. Subtil weisen Medien und Wirtschaft die unsicheren Mädchen auf ihre kleineren und größeren Problemzonen hin. Wie pervers ist das eigentlich? Die großen Vorbilder vieler, viel zu vieler Teenagermädchen sind nicht  Anne Frank, Marie Curie oder Ärztinnen ohne Grenzen, sondern die KardashianKlums dieser Welt. Millionenfach folgen sie den Beauty-Lifestyle-Travel-Bloggerinnen, deren wichtigster Content aus durchtrainierter, nackter, gebräunter Haut besteht, behängt mit PR-Samples und betitel mit „Enjoying life @balimalediveswhatever“ Plus ein Kirsch-Emoji. Wow. Das Resultat: Millionen Mädchen möchten sein wie diese hohlen Projekitonsflächen, sehen aber nur den eigenen vermeintlich dicken Bauch, dicken Hintern, die dünnen Haare und Pickel. Die eigene Unzulänglichkeit und Hässlichkeit. Wen wundert es noch, das jedes zweite Mädchen in seinem Leben mindestens einmal an einer Essstörung leidet. Dass sich 18jährige unters Messer legen für die perfekte Nase und eine große Brust. Es gibt bereits Schönheitschirurgen, die bekannteren Bloggerinnen eine Brustvergrößerung spendieren – auf dass die nächsten 14jährigen Mädels schon einmal anfangen zu sparen. Mir fehlt an dieser Stelle eindeutig ein Kotz-Smiley.

Versteht mich nicht falsch. Natürlich kann man mit bestimmten Körperregionen unzufrieden sein und sich verändern wollen. Es geht ja nicht darum, ein anderes Extrem zu fordern, die Dusche wochenlang zu boykottieren und 100kg zuzunehmen. Ich kann völlig verstehen, wenn übergewichtige Menschen abnehmen möchten, ob aus gesundheitlichen Gründen oder selbstverständlich auch optischen – oder wenn bereits relativ schlanke Frauen einfach ein bisschen an der eigenen Bikinifigur werkeln möchten. In meinem Badezimmerschrank stehen einige Make-Up Artikel, roter Nagellack verursacht bei mir gute Laune und meine Haare mag ich ebenfalls lieber frisch gewaschen als fettig und nach Döner riechend. Und ja, Adriana Lima finde ich schön. Ich mache Sport, weil es mir Spaß macht, mein Rücken weniger schmerzt und wenn dabei ein paar ausdefinierte Muskeln entstehen, freu ich mich natürlich umso mehr. Aber: Ich mag auch all die vermeintlichen Makel. Sie gehören zu mir, sie machen mich aus und sind kein Grund für Verzweiflung. Ich mag meine Nase, die größer ist als der Durchschnitt und mittlerweile viele kleine rote Äderchen hat, von Opa geerbt. Ich mag meine Beine, auch wenn die Kehrseite etwas dellig ist und die Kniee ziemlich knubbelig. Aber sie tragen mich überall hin, ich kann mit ihnen laufen, schleichen, mit meiner Tochter tanzen, auf Berge steigen. Ist das nicht wundervoll? Und warum zur Hölle sollte ich sie bei warmem Sonnenschein unter Leggings, weiten Hosen oder Badetüchern verstecken? Ich trage kurze Hosen, weil ich es liebe, den Wind an meinen Beinen zu spüren. Ich stehe im Bikini am Pool, weil ich keine Lust auf Badeanzüge habe und mein Bauch der beste Bauch der Welt ist: Da war nämlich mein kleinesgroßes Mädchen drin.

Und genau für sie mache ich das hier nämlich: Mich den vermeintlichen Problemzonen stellen, einen verd*mmten Sche*ß darauf geben, was Lisbeth Müller von nebenan denkt und meiner Tochter zeigen, dass wahre Schönheit das Unperfekte ist, die Einmaligkeiten, die Lebensfreude, das Mitgefühl für andere, die Liebe für die Welt, die Tiere, die Mitmenschen, die Abenteuerlust, die Achtung und der Respekt für andere. Denn mal ehrlich, mit wem möchten wir unser Leben verbringen? Und vor allem auch: möchten wir nur gemocht werden für unser schmales Näschen, die üppige Oberweite, den sexy Schmollmund? Den hippsten Style und die neueste It-Bag? Oder für unseren Humor, unser Einfühlungsvermögen, unsere Gedanken über die Welt, die Menschen und wie wir diesen Planeten ein kleines Stückchen besser machen können? Also ihr lieben Frauen da draußen: Ihr seid wundervoll, jede einzelne. Ehrlich! Ihr müsst nicht immer top geschminkt und schick gekleidet sein, wenn ihr das Haus verlasst. Embrace yourself – nicht nur für euch, sondern für eure Töchter. Damit diese kranken Frauenbilder vielleicht – hoffentlich – endlich ein Ende finden.

 

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8 Gedanken zu “on beauty. Oder: FCK you, Schönheitsideale

  1. Das kommt gerade richtig und tut so richtig gut! Denn nach zwei Schwangerschaften und mit Baby Nr. 3 im Bauch bin ich derart weit weg von jeglichem Schönheitsideal. Und ich bin mir sicher – Nein ich Weiß, dass ich da auch nie hinkommen werden und was soll ich sagen: Es ist mir sowas von egal! Ich habe ja nicht mal Zeit großartig darüber nachzudenken. Und das liegt nicht daran, dass ich als gestresste Mama nichts mehr für mich tue, sondern meine Zeit lieber sinnvoll nutze. Ich bleibe morgens lieber länger liegen, als mich zu schminken; Haare werden auch von ganz alleine trocken, da muss ich gar nichts dafür tun und Sport mache ich nur, weil es mir Spaß macht und nicht, weil der Bauch schon lange nicht mehr so ist wie er einmal war. Wem wollen wir auch etwas vor machen? Am Ende des Tages stehen wir vorm Spiegel und können die nackte Wahrheit sehen – ungeschmickt und mit Speckröllchen. Also sollten wir uns doch lieber so lieben wie wir sind. Uns gut zunicken und uns einfach klasse finden. Dann haben wir 1. mehr Zeit für die Dinge die Spaß machen und 2. wir genügen uns selbst! Das möchte ich meiner Tochter mitgeben. Ich möchte ihr nicht zeigen wie sie sich mit 10 Jahren wie eine kleine Lolita schminkt um in diese abartige Schönheitswelt zu passen, sondern ich möchte das sie sich selbst genügt, dass sie zufrieden ist mit sich, so wie sie ist! Solche Frauen braucht die Welt – echte, authentische, selbstbewusste Frauen! Modemarionetten haben wir schon genug.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Du hast so Recht und ich bin froh, dass ich das nicht alleine so sehe. Ja, kleine Lolitas werden da herangezogen – schrecklich! Das schon Kinder in gewisser Weise „sexy“ sein sollen, ist wirklich zum k*tzen 😦 Ich hoffe, ich kann da meiner Tochter ein Vorbild sein wie meine Mama. Und wie du schon sagst: Bevor ich Stunden mit Workout und Styling verbringe, tobe ich lieber mit meinem Kind herum. Das ist das wirklich Wichtige. Liebe Grüße! Martina

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  2. Vielen Dank für diesen Text. Du sprichst mir so aus der Seele. Ich selbst traue mich mittlerweile mit Bikini ins Schwimmbad und lasse auch meine Beine und Achseln mal unrasiert, obwohl ich ziemlich dunkle Haare hab. Es hat 35 Jahre und zwei tolle Kinder gedauert, mich so anzunehmen. Natürlich gefällt mir auch nicht immer alles, aber insgesamt finde ich mich ziemlich gut.

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    1. Liebe Christiane,
      Danke für deinen Kommentar! Ja, manches mag ich auch nicht so – dann schau ich schnell weg und konzentrier mich auf das, was mir gefällt 🙂 Das Leben ist zu kurz um sich wegen des Aussehens zu stressen. Für mich war es auch so befreiend, einfach im Bikini im Meer zu stehen und mir zu denken: so what? Wems nicht gefällt, der soll wegschauen. Ich mag den Wind, das Wasser und die Sonne auf der Haut spüren. Mit Speckrolle, unrasierten Achseln und Orangenhaut. Wir sind doch keine Barbiepuppen, sondern tolle Frauen ❤ Liebe Grüße Martina

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  3. So ein toller Text und so gut geschrieben! Du bringst es wirklich auf den Punkt! Habe erst letztens den Film „Embrace“ gesehen und mich gefreut, dass das Thema langsam mal in Schwung kommt 🙂
    Vielen Dank für deine Worte! Liebe Grüsse, Steffi

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