Liebe Leni – ab heute ist die Welt erschöpft

Meine liebe Leni,

heute ist Welterschöpfungstag, „earth overshoot day“. „Was ist das denn?“ fragst du und grinst fröhlich. Das ist der Tag, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren könnte. Ab heute Leben wir auf Pump – nämlich auf eure Kosten. Die restlichen 151 Tage dieses Jahres werden wir Rohstoffe nutzen, die eigentlich für euch, für unsere Kinder und Enkel gedacht sind.

Das Bizarre daran ist, dass wir ziemlich genau wissen, was wir hier tun. Wir wissen, dass wir Raubbau betreiben an dieser, unserer, eurer Welt, dass wir die Natur zerstören, die Luft verpesten, Tierarten ausrotten. Während wir im Flugzeug Richtung Thailand schweben, bricht in der Westantarktis ein Eisberg gigantischen Ausmaßes ab – 175 km mal 50 km an der breitesten Stelle misst der Koloss. Eine Fläche so groß wie das Saarland. Während wir uns durch den zwölften Sale dieses Jahres wühlen, Kleider, Taschen, Schuhe kaufen, die wir vielleicht ein paar Mal tragen und manche auch gar nicht, sitzen an vielen anderen Orten dieser Welt Frauen, Mädchen, viele nur ein paar Jahre älter als du, liebe Leni, und nähen unser Shopping-Glück 12, 14, 16 Stunden am Tag. Für einen Hungerlohn und unter unmenschlichen Bedingungen. Sie verarbeiten Stoffe, die mit aggressiven Chemikalien gefärbt wurden oder sprühen giftige Farbe auf Jeanshosen für den angesagten Used-Look. Die Flüsse ihrer Heimat sind braun, voll mit toxischem Schlamm und nur noch wenige Fische leben in ihnen, weil Abwässer einfach ungefiltert hineinfließen. Weißt du, wie viel Wasser für die Produktion von einem Kilo Baumwolle benötigt werden? 10 bis 17 tausend Liter. Tausend. In eine Badewanne passen ca. 140l.

In afrikanischen Minen schuften kleine Jungen und schürfen Metalle, die wir für unsere Computer und Handys benötigen. Mit denen wir uns dann schick gekleidet in Kapstadt fotografieren und vom #beachlife schwärmen. Wir tauchen mit Haien und planieren die Berge für hunderte Skipistenkilometer, während in den riesigen Müllstrudeln des Meeres Fische, Schildkröten und Wale verenden und die Zahl der heimischen Schmetterlinge, Insekten und Vögel jedes Jahr dramatisch abnimmt.
Natürlich finden wir das alles schlimm. Und es ist ja nun auch nicht so, dass wir überhaupt nichts tun: Mülltrennung, bei gutem Wetter mit dem Rad zur Arbeit, ab und an mal auf Fleisch verzichten, gegen Atomkraftwerke demonstrieren, sich über Trump empören – Umweltschutz kann schließlich so einfach sein. Aber darüber hinaus? Sich wirklich einschränken, dahin gehen, wo es weh tut? Jeder einzelne von uns müsste seinen Ressourcenverbrauch um 80% reduzieren, um dieser Welt in der jetzigen Form noch eine Chance zu geben. Das hieße Verzicht auf groß angelegte Shopping-Orgien, maßlosen Fleischkonsum, Flüge und Langstreckenflüge im besonderen.

Weißt du, liebe Leni, all das wissen wir Erwachsenen – und brausen trotzdem mit unserem SUV ins nächste Outlet. Weil es uns unterm Strich dann doch ziemlich scheiß-egal ist. Klar, wir finden Ausreden: es geht nun mal nicht anders, was kann ein einzelner schon ändern, es garantiert Arbeitsplätze (nebenbei bemerkt würde eine umweltfreundlich agierende Gesellschaft mindestens genauso viele Jobs schaffen), andere sind noch so viel schlimmer. Und wenn die um die Welt jetten dürfen, dann darf ich das eben auch.
Nur eins dürfen wir bitte nicht: in 30 Jahren so tun, als hätten wir von nichts gewusst. Wir wissen sehr wohl, was wir hier gerade veranstalten. Wir feiern dem Höhepunkt des Hedonismus entgegen in der Hoffnung, dass irgendwer das Problem schon irgendwie lösen wird, ohne dass wir uns dafür in irgendeiner Form einschränken müssen. Das findest du reichlich naiv und ganz schön selbstsüchtig, liebste Leni? Da hast du Recht, das ist es. Auch wir, deine Eltern, sind in vielen Punkten schuldig im Sinne der Anklage. Aber ich gebe mein Bestes, jeden Tag ein bisschen mehr. Damit deine Kinder vielleicht noch die Chance haben, einen echten Gletscher zu erleben. Oder ein Korallenriff. Damit auch die Menschen südlich der Alpen, südlich des Mittelmeers noch eine Chance haben auf Regen, auf gesunde Böden, auf ein menschenwürdiges Leben. Jeder einzelne von uns hat es in der Hand: Be the change you want to see in this world.
Die Welt ist nämlich ein ganz schön schöner Ort.
Deine Mama

Advertisements

3 Gedanken zu “Liebe Leni – ab heute ist die Welt erschöpft

  1. Und wieder mal muss ich einen Blogbeitrag von dir kommentieren. Einfach weil du mir aus der Seele sprichst und weil dieses Thema so wichtig ist. Umweltschutz, Tierschutz. ..jeder von uns weiß was damit gemeint ist und für die meisten ist klar: Das ist wichtig! Da muss man mitmachen! Und doch wird noch viel zu wenig getan. Es reicht eben nicht mit Stofftaschen einkaufen zu gehen und nur einmal die Woche Fleisch zu essen. Es ist einfach zu wenig. Dabei kann ein jeder von uns so viel tun! Wenn wir uns abends nur fünf Minuten Zeit nehmen würden um zu überlegen wo wir tagsüber Ressourcen einsparen können, wo wir Müll vermeiden können, welchen Konsum es wirklich nicht braucht, dann bin ich mir sicher, kommt einiges zusammen. Vielleicht bedarf es genauer Handlungsvorgaben, denn selbst tätig werden ist schon schwer, selbst darüber nachdenken umso mehr. Bei einer Sache sind wir uns aber alle einig: Unsere Kinder sollen eine Zukunft haben! Doch dafür müssen wir auch was tun!

    Vielen Dank für diesen Beitrag!!! Er ist so wichtig!

    Gefällt mir

  2. Wow! Du hast es auf den Punkt gebracht. Ich hoffe, dass deinen Blogeintrag noch viele viele Menschen lesen und deine Gedanken weiterführen, sich ihre eigenen dazu machen oder wie auch immer. Mich hat es auf jeden Fall berührt und wieder zum Nachdenken gebracht über all die Dinge, die du beschreibst!
    Viele Grüße
    Kathrin

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s