Ein Tag am See: Von vergessenen Unterhosen oder warum ich auf Spielplätzen selten Freunde finde.

Wenn Freitag ist und man frei hat, wenn die Sonne scheint und der See verlockend glitzert, dann schnappt man sich das Kind und zieht los zur Liegewiese neben dem Spielplatz. Dort erwarten einen nicht nur zahlreiche Kinder, sondern natürlich auch deren Mütter – und daneben ein Berg an Ausrüstung. Mit meinem Fahrrad und dem Kind hinten drauf kämpfe ich mich durch einen Parcour von High Tech Buggys, Laufrädern, Bobbycars und Sonnensegeln, ich weiche Bällen in allen möglichen und unmöglichen Größen aus, stolpere durch Hulla Hoop Reifen, über Slack Lines und aufblasbare Gummitiere und begegne ganzen Kücheneinrichtungen unter Pavillons.

Auf den Tischen stapeln sich denkwürdige Sandwichkreationen und Tupperboxen voll mit Obstsalat oder Keksen in allen Farben und Formen, dazwischen ein Heer bunter Thermoskannen und Tetrapaks und ca. 47l Sonnencreme. Langsam beginne ich zu verstehen, weshalb auf dem Parkplatz so viele riesige SUVs und Bullis parken und frage mich, wie wir als Kinder früher solche Spielplatznachmittage überhaupt überleben konnten.

Wir breiten unsere alte Fleece-Decke mit den Grasflecken aus und ich verstecke die drei Brandlöcher unter meinem Rucksack, der kein Fjäll Räven Kaken ist und auch keine übergroße Longchamp Tasche, sondern lediglich ein ziemlich pinkes Outdoor-Survival-Exemplar aus dem Schlussverkauf. Leni mag ihn, das sagt vermutlich das meiste über diesen Rucksack aus. Während die Familie nebenan ein Foodblogger-taugliches Buffet aufbaut, packe ich die Brotbox mit den Leibniz-Keksen aus, die Breze in der zerknitterten Butterbrottüte von gestern, zwei Nektarinen und eine alte Flasche, die ich zu Hause nur schnell mit Leitungswasser aufgefüllt habe.

Leicht verwirrt suche ich nach der Sandkiste und entdecke sie unter einem Berg Förmchen, Schaufeln, Eimern und Plastikbaggern. Fräulein Leni zieht los und erobert barfuß die Rutsche, während die Mutter von nebenan den Konstantin zum dritten Mal ermahnt, endlich die Sandalen anzuziehen. Ich frage mich kurz, ob wir überhaupt Schuhe dabei haben und entdecke sie ganz unten im rosa Rucksack.

Die kleine Frau kommt atemlos zurück und wir essen kichernd unsere Nektarinen; den Blicken der Nachbarn nach zu urteilen fällt unsere Mahlzeit eher unter Frucht-Massaker. Aber bitte, wer schafft es, eine überreife Nektarine ohne Saftelei zu verspeisen? Warum höre ich so oft den Satz „Pass auf, mach dich nicht schmutzig!“? Ist es nicht eigentlich Sinn der Sache, schmutzig vom Spielplatz nach Hause zu kommen? Und wer braucht schon Sagrotan-Tücher, wenn doch der See nebenan liegt? Was ich allerdings gerne dabei gehabt hätte, zugegeben, ist eine Wechsel-Unterhose. Die wurde nämlich beim Händewaschen richtig nass. Also zack, Unterhose runter, langes Kleid drüber, Po bedeckt und alle sind zufrieden. Naja, Leni und ich. Die Oma auf dem Badesteg sah weniger fein damit aus. Ja, und weil das mit neuen Freundschaften ohnehin nichts mehr werden würde an diesem Tag, haben wir noch eine letzte Runde auf der regenweichen Erde getanzt, einen großen halbnassen Stein eingepackt (laut Frau Len war das auch kein Stein, sondern ein Brot für ihr Pferd) und sind dann dreckig, aber recht glücklich nach Hause geradelt.

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Sollte es euch also einmal an den Starnberger See auf einen Spielplatz verschlagen und ihr seht eine Frau mit sehr pinkem Rucksack und einem etwas schmutzigen Kind, sagt gerne Hallo. Ihr kriegt dann auch eine Nektarine, nur mit Feuchttüchern können wir meistens nicht dienen 🙂

 

Eure

Martina

 

 

 

 

 

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10 Gedanken zu “Ein Tag am See: Von vergessenen Unterhosen oder warum ich auf Spielplätzen selten Freunde finde.

  1. Herzerfrischend! Wir wären gute Spielplatzfreunde. Ihr habt immerhin noch eine Decke, wir sitzen meist so am Boden. Bei uns gibt es auch Äpfel statt Spargelröllchen und selbstgebackenen Dinkelstangen (wann bitte macht man das alles). Schuhe tragen unsere Mäuse so gut wie nie und Wechselklamotten werden bei allem über 18 Grad überbewertet, finde ich. Dafür spielen wir aber mit, statt nur zuzuschauen (oder auch nicht) und den Latte Machiato beim Tratsch zu genießen. Und wir sind am Ende des Tages mindestens so dreckig wie die Kinder. Ich will keine Freunde, denen das nicht gefällt😉 In 10 Tagen sind wir am Staffelsee, auch uns erkennst du von Weitem😘

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    1. Ooooh, dann müssen wir ja nächste Woche eigentlich dringend an den Staffelsee! O man, jetzt ärger ich mich fast schon, dass wir dann in den Urlaub nach Frankreich fahren… gegen die Traurigkeit werde ich wohl viele pain du chocolat verspeisen müssen und Wein trinken 😀 Im Ernst, wann seid ihr denn genau da?? Das wär wirklich nicht so weit weg von uns… Aber auf jeden Fall wünsch ich euch ganz ganz ganz viel Spaß! Mit euch machts bestimmt riesig Spaß auf dem Spielplatz 🙂 :*

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  2. Hallo,

    als ich deinen Text gelesen habe, musste ich innerlich schmunzeln und habe mich total wieder erkannt.
    Ich war vor ein paar Tagen spontan mit meinen Kindern am Strand. Wir wohnen 5 Minuten vom Strand entfernt, also sind wir öfter da. Ich habe für 3 Kinder eine Ikea-Tüte gepackt mit 3 großen Schaufeln, 3 Eimern und 3 Keschern. Für jedes Kind hatte ich eine Trinkflasche mit und 1 Packung Kekse. Als wir am Strand angekommen sind, war der Strand voller Touristen. Alle bepackt mit Strandmuscheln, Badetieren, Sportgeräten, Picknickkörben usw. . Ich saß da mit Strickjacke und Jeans im Sand, hatte noch nicht mal eine Decke mit. Die Kinder liefen in Unterhosen und T-Shirt rum, haben das Wasser mit dem Kescher saubergemacht und mit den Schaufeln sich eingebuddelt. Meine Kinder waren abends dreckig, glücklich und müde. Auch ohne komplette Ausrüstung.

    LG Tabea. (AnMoMi Blog)

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    1. Hallo liebe Tabea,

      das klingt nach einem wunderbaren Strandtag! So waren wir früher mit meinen Eltern auch immer in Dänemark unterwegs – während die Nachbarn mit der Strandmuschel im Wind gekämpft haben, haben wir mit Händen, Füßen und Schaufel voller Leidenschaft riesige Sandburgen gebaut. Eigentlich ist weniger letztlich immer mehr – vor allem brauchts draußen gar nicht viel Ausrüstung. Die Natur liefert die besten Spielsachen.

      Ganz liebe Grüße
      Martina

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  3. Wunderbarer Text!
    Das ist schon wirklich absurd, was den Kindern heute alles aufgedrückt wird, damit sie ja auch glücklich sein können. Wir sind vor kurzem auch an den Fluss gefahren und dort fand sich alles, was die Kinder glücklich machte: Matsch, Steine, Wasser, Sonne, Matsch!, Sand, Stöcker, Kleintiere.
    Ist der Apfel in den Sand gefallen, kein Problem, es gibt ja noch genug Wasser und Matsch.
    Also ich hoffe sehr, dass wir uns mal am Starnberger See treffen, also bewahrt uns einpaar Mandarinen auf 😉

    Beste Grüße

    Lucas

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    1. Hallo Lucas,

      ja, ich hab es ja auf Insta gelesen und musste so schmunzeln, weil es so gut als Gegenentwurf zu unserem Ausflug gepasst hat. Die Natur liefert doch immer die besten Spielsachen – an besagtem Tag standen zum Schluss fast alle Jungs am See und haben mit Stöcken „geangelt“, Blätter und Gräser waren die Würmer. So soll das doch sein ❤

      Und für euch gibts natürlich immer ne Mandarine oder ein belegtes Brot 🙂 Wie gesagt, hier mangelts nur an Feuchttüchern und Wechselklamotten 😀

      Liebe Grüße
      Martina

      Gefällt 1 Person

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